Noch einmal NR bashing …

Achtung: Wer die Polemik nicht erkennt, hier klicken!

Am 17. Mai wurde vom Netzwerk Recherche (NR) ein Buch über Blogs herausgegeben.

Schön!

Das Buch heisst

“Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten”

Schön!

Der Titel der Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Buchs vom 18. Mai 2006 lautet

Weblogs können den Journalismus bereichern, aber niemals ersetzen

Schlecht!

Wer hat gesagt, dass Blogger und Journalisten gegeneinander Krieg führen? Welcher Blogger behauptet von sich, kein Journalist zu sein, aber den Journalismus ersetzen zu wollen? Ich kenne niemanden, der mit diesem Selbstverständnis bloggt. Ich glaube auch nicht, dass es solche Blogger wirklich gibt.

Wie soll man auch Journalismus ersetzen? Nun, das hängt ganz davon ab wie man das Wort Journalismus definiert. Mein Verständnis von Journalismus beinhaltet als Veröffentlichungsmedium auch das Internet. Wieso auch nicht? Irgendwie scheint schon bei dem Titel der Pressemitteilung die Abwehrhaltung gegenüber Blogs, die ich schoneinmal kritisiert habe, durch. Oder irgendjemand hat wirklich überhaupt nicht verstanden worum es bei Blogs geht.

Blogs sind ein Teil des Medium Internet je nach Zielsetzung des einzelnen Blogs kann man ein Blog mit einer Zeitung, einer Kolumne, einer Sammlung von Flugblättern oder auch einer Sammlung von Katzenbildern vergleichen. Oder auch mit etwas ganz anderem. In jedem Fall können Blogger Journalistische Arbeit abliefern, sie können es aber auch lassen. Eine klare Grenze kann man nicht ziehen, sollte es auch nicht versuchen. Auf jeden Fall ist die Blogosphäre teil des Journalismus, sind Blogger Journalisten und stellen keine Konkurrenz zum Journalismus dar.

Schade eigentlich, dass die Überschrift der Pressemitteilung so gewählt ist, sie rückt das NR in ein schlechtes Licht, denn entweder hat man nicht oder falsch Recherchiert - oder irgendwo blind abgeschrieben. Auch innerhalb der Mitteilung gibt es zweifelhafte Inhalte:

Zwar haben sich manche Blogger inzwischen den Ruf als Intimfeinde des professionellen Journalismus erworben.

Erneut wird eine klare Grenze gezogen zwischen Bloggern und Journalismus. Als ob es zwischen Journalisten keine “Feindschaften” gäbe. Ausserdem werden wohl kaum jene Intimfeinde einfach auf die Journalisten einschlagen, sondern Argumente gegen sie bzw die kritisierte Veröffentlichung sammeln - was auch eine Journalistische Betätigung ist. Und professionell ist ohnehin nur eine Definitionsfrage - auch eine Schülerzeitung kann professionell sein. Wieso also kein Blog?

Auch zeigt die Studie, wie sich die erfolgreichsten Blogger zu Konkurrenten im Kampf um die immer knapper werdende Ressource Aufmerksamkeit entwickeln.

Als ob es keine Konkurrenz auf dem Medienmarkt gäbe. Nur weil z.B. die Münstersche Zeitung den Westfälischen Nachrichten Leser abjagen will, ist sie keine Zeitung mehr?

Wer mit Blogs umgeht, sollte wissen, dass er es in aller Regel mit Beiträgen von Amateur-Publizisten zu tun hat, die ihre Themen nach ganz eigenen Kriterien auswählen und auch dann publizieren, wenn die Informationen ungesichert und die Quellen fragwürdig sind

Schön, dass alle professionellen Journalisten eine weisse Weste haben.

Er [der Autor] hält es für einen Fehler, Blogger aufgrund laienhafter Beiträge oder demonstrativer Subjektivität gering zu schätzen

Es geht doch, anscheinend hat der Autor verstanden, dass nicht alle Blogs gleich (schlecht) sind und das es auch durchaus Blogs mit Journalistischer Qualität gibt.

„Bloggern sollte zuerkannt werden, dass sie aufgrund ihrer hohen Internet-Kompetenz und ihrer hochgradigen Vernetzung oftmals besser als Journalisten in der Lage sind, Internet-Informationen zu filtern, aufzubereiten und in Bezug zu setzen.“

Ups, da habe ich mich wohl geirrt, schon wieder diese böse Unterscheidung

„Journalisten mit eigenem Blog schärfen ihr persönliches Profil, gewinnen an Authentizität und signalisieren Erreichbarkeit.“

Aaaah! Es gibt sie also doch, die bloggenden Journalisten. Sind diese dann im Blog nicht professionell? Schade, dass das nicht geklärt wurde.

Also nochmal, ihr ängstlichen Journalisten: Ihr braucht keine Angst haben, wir Blogger sind nicht böse, hassen keine Journalisten nur weil sie Journalisten sind, mögen es aber auch nicht, wenn Journalisten über uns oder andere schreiben ohne wirklich tiefgreifend recherchiert zu haben. Natürlich: Wenn ich mir 100 beliebige Blogs herausgreifen kann, kann ich 100 gute oder 100 schlechte nehmen. Je nachdem was ich mit meiner Studie erreichen will bekome ich dann ein schlechtes oder ein gutes Bild. Aber so ist es ja immer; (fast) jede Studie wird mit einer gewissen Erwartungshaltung begonnen und in der Regel spiegelt sich diese Erwartung auch in der Studie wieder.

Meiner Meinung nach kann man sich besser sein eigenes Bild von der Blogosphäre machen als eine subjektive Studie zu lesen. Anfangen kann man z.B. hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier

Wie man sieht gibt es ein breites Themenspektrum und viele Qualitätsstufen, verallgemeinern kann man nicht - auch nicht in einer Studie. Jedes Blog ist einzigartig in Qualität, Genre und Motiv.

Update: Ich bin mit meiner Kritik also nicht ganz alleine. Schön! Schönes Gefühl von einem Grimme-Online-Nominierten getrackbackt zu werden :mrgreen:

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5 Antworten zu “Noch einmal NR bashing …”

  1. Wortfeld » Was Blogger können sagt:

    [...] Was Friseure können, können nur Friseure: Dieses schöne Friseursalon-Dogma scheinen manche beim Netzwerk Recherche auch auf Journalisten anzuwenden. Jedenfalls klingt so die bedrohliche Pressemitteilung zu einer Neuerscheinung über Weblogs, ihr Verhältnis zum Journalismus und zur Medienethik. Über den Pressetext und den Buchtitel ist schon ziemlich heftig gestritten worden — aber das Buch selbst bereichert die Diskussion immens! (Ja, ich habe heute das Rezensionsexemplar gelesen.) [...]

  2. Matthias Armborst sagt:

    Als Autor der oben genannten Studie ein paar Bemerkungen:

    • In meiner Studie wird keine prinzipielle Grenze zwischen Blogs und Journalismus gezogen. Eine solche Grenze wäre Unsinn, weil es sich bei Blogs um ein Format handelt, das mit Inhalten gefüllt werden muss. Zum Beispiel mit journalistischen Inhalten, mit Persönlichem oder mit was auch immer. Einem Blogger muss ich das ja nun wirklich nicht erklären.

    Journalismus meint: Publikationen, die bestimmte gesellschaftliche Funktionen erfüllen (die ich hier nicht näher ausführen muss). Zum Ausdruck kommen Journalismus in den bekannten Medienformaten. Oder in Blogs. Wo also ist die Grenze? Ich kann keine prinzipielle Grenze erkennen - höchstens nehme ich die Grenzziehungen wahr, die von Bloggern oder solchen Journalisten gezogen werden, die dem Weblog-Phänomen mit einer gehörigen Portion Unbehagen gegenüber stehen. Dass diese Journalisten Blogger als “die Anderen” wahrnehmen, ist zunächst mal verständlich. Und aus dieser Perspektive wird die arg geprügelte Pressemitteilung dann hoffentlich verständlicher. Dass mein Buch - wie unterstellt - zur Konfrontation beträgt, kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

    • Die Studie ist in einer Reihe erschienen, die von einer Journalisten-Vereinigung herausgegeben wird. Von einer Organisation, die das Weblog-Phänomen folglich für relevant genug hält, um der Studie eines bisher unbekannten Autors eine Veröffentlichung zu ermöglichen. Wie der Untertitel sagt, richtet sich mein Buch in erster Linie an Journalisten: Ich versuche, den Journalisten, die bisher noch keinen Schimmer von der Blog-Welt haben, ein paar Dinge näher zu bringen. Und in diesem Sinne ist auch die Pressemitteilung mit ihren arg verkürzten Aussagen zu lesen. Dass sie meinem 245-Seiten-Buch nicht gerecht werden konnte, steht auf einem anderen Blatt.

    • Subjektive Studie? Nö. Ich habe für diese Studie über mehrere Wochen 148 Blogger befragt, darunter 30 bis 40 A-Blogger (geschätzt). Und annähernd 7.000 Antworten ausgewertet. Wenn ich mit Vorbehalten an die Sache gegangen wäre, hätte ich mir diese - mit Verlaub: Schweinearbeit - sparen können.

    • Daher: Unterstellungen und Selektiv-aus-Pressemitteilung-Zitieren einstellen. Buch lesen! ;-)

    • Ach ja, der openebiz-Blogger schreibt: “Ich bin mit meiner Kritik also nicht ganz alleine”, und verlinkt zu Wortfeld. Äh - amKopfkratz - haben wir dieselbe Wortfeld-Renzension gelesen?

  3. openebiz Blog » Souveräne Reaktion sagt:

    [...] Mehr dazu in den Kommentaren des eigentlichen journalistischen Sündenfall [...]

  4. EpiBlog.de sagt:

    Bloga Fett, Internet-Kopfjäger…

    Bloga Fett - Kopfjäger im Internet

    Sie ist eine neverending Story, die Debatte, ob Blogs denn nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus sind oder nicht. Sie wurde schon vor Jahren geführt. Und wird es immer noch. Da sind gewisse Erm…

  5. marco kitzmann » Bloga Fett, Internet-Kopfjäger sagt:

    [...] Sie ist eine neverending Story, die Debatte, ob Blogs denn nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus sind oder nicht. Sie wurde schon vor Jahren geführt. Und wird es immer noch. Da sind gewisse Ermüdungserscheinungen eigentlich kein Wunder, wenn wieder mal einer hergeht und versucht, das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu (er)klären. Matthias Armborst hat’s trotzdem gemacht - und für seine Studie “Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde” erwartungsgemäß auch Prügel einstecken müssen. Auch mal nur für eine Pressemitteilung zu seinem Buch, die gar nicht er, sondern das herausgebende Netzwerk Recherche verbrochen hat. [...]

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